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Eine runde Sache beim Boßeln mit „Älite“ und Anhang

Boßeln – was ist das? Dies fragten wir uns bis 2010 auch. Dann stieß der Auricher Ostfriese Frank Oklitz zu unserer Volleyball-Mannschaft, der uns das Brauchtum seiner Heimat im Rheinischen schmackhaft zu machen versuchte. Etwa als Ausgleich oder Gegengewicht zum Karneval? Wohl kaum, auch wenn es zeitlich durchaus Überschneidungen gibt: Beide „Veranstaltungen“ finden vorzugsweise in der kalten Jahreszeit statt. Der Karneval orientiert sich ausschließlich am Kalender, das Boßeln nutzt den (hoffentlich) gefrorenen Boden als Rollbahn. Und da auch beim Boßeln, so wie beim Volleyball, das kugelförmige Spielgerät im Zentrum der Aktivität steht, war nur wenig Überzeugungsarbeit bei unseren Sportfreunden zu leisten.

Doch worum geht es? Hier eine kleine Regelkunde:
Das Spiel hat zum Ziel, die Kugel seiner Mannschaft mit möglichst wenigen Würfen über eine festgelegte Route zu werfen. Im sportlichen Wettstreit messen sich zwei bis vier Gruppen, mit jeweils 4-10 Werfern. Der Anwurf erfolgt an einem gewählten Startpunkt durch den ersten Spieler der Mannschaft A. Danach wirft der erste Spieler der Mannschaft B usw.. Der Boßler versucht mit seiner Kugel die größtmögliche Weite zu erzielen. Sein Wurf endet, wenn die Kugel ruhig am Streckenrand oder ungünstigerweise im Graben liegen bleibt. Der Anschlusswurf erfolgt von diesem oder auf die Straße verlegten Punkt. Es setzt die Mannschaft fort, deren Kugel zurück liegt.
 
Nachdem uns Frank die Regeln nahe gebracht hatte und geeignete Hartgummikugeln in verschiedenen Farben zur Verfügung stellte, wagten wir ein erstes Turnier im Februar 2013. Die Strecke führte damals durch die Bockerter Heide und endete in „Haus Waldfrieden“, das seinerzeit noch ein intaktes Restaurant war. Mit Bollerwagen, heißen, kühlen (zumeist alkoholischen) Getränken, Frikadellen, Käsewürfeln, gefüllten Blätterteig-Röllchen, Kuchen und anderen „Pausenfüllern“ zogen wir lachend, schwadronierend und die Würfe der Gegner kommentierend durch Wald und Flur. Natürlich wurde über die Abwurfstelle diskutiert und darüber, ob und wann die Kugel den „rechten Weg“ verlassen hat. Das alles geschah unter den Augen von 15 bis 25 Personen, Älite-Kindern und –Anhang inbegriffen.

Der Erfolg dieser zwischen Sport und Gaudi angesiedelten Gemeinschaftsaktion war so durchschlagend, dass Boßeln seitdem zum festen Bestandteil unseres Älite-Veranstaltungskalenders wurde. Leider ist Frank Oklitz im Frühjahr 2016, für uns alle unfassbar traurig, verstorben. Schnell war klar, dass wir – auch im Gedenken an ihn – auf unsere Wintertradition nicht verzichten wollten.

Für Januar 2017 hatten wir mit Hilfe einer internet-basierten Terminabfrage endlich den geeigneten Tag gefunden, an dem möglichst viele mitmachen konnten. Natürlich brauchten wir auch für das Abschlussessen ein neues Lokal, denn Haus Waldfrieden gibt es seit zwei Jahren nicht mehr. Ein Unterkommen in den Räumen des Vereinsheim lag zwar nahe, war aber auch mit Schwierigkeiten verbunden: Kollidiert unser Boßel-Ausklang mit Borussia oder einer anderen Veranstaltung? Samstag 21.1.2017 war der richtige Tag: Die Fohlenelf spielte auswärts „nur“ gegen Darmstadt, großer Andrang beim Fernsehgucken war im „18“ nicht zu erwarten. Dass auch noch das Wetter mitspielte, gab unserem Vorhaben einen besonderen Schub.

Unsere Routenspezialisten mussten, wie auch schon in den Jahren zuvor, einen Weg bestimmen, der einige Anforderungen zu erfüllen hatte:
  • möglichst fester Untergrund, damit Kugeln, Bollerwagen und Personen nicht im Matsch versinken,
  • nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz, damit sich das Vergnügen optimal entfalten kann,
  • wenig befahren bzw. bevölkert, damit der Grad der Belästigung durch Unbeteiligte auf ein Minimum reduziert werden kann.

Die 3 km lange Route nördlich und östlich um den Hauptfriedhof mit Endspurt im „Bunten Garten“ erfüllte manche, aber nicht alle Anforderungen an das Streckenprofil. Der Tross lärmender, Musik abspielender, lachender Personen wälzte sich nicht immer ungehindert bzw. unbehindernd durch die Natur. Radfahrer, Jogger, Fußgänger und Hundebesitzer belästigten uns mitunter oder wurden durch uns belästigt. Es kam vor, dass „hilfsbereite“ Spaziergänger glaubten, uns beim Aufsammeln der Kugeln unterstützen zu sollen. Andere traten die auf sie zu rollenden Hartgummigeschosse zur Seite und griffen dadurch zum Nachteil der boßelnden Mannschaft ins Spielgeschehen ein. Auffallend zahlreiche, nicht angeleinte Hunde verfolgten die rollenden Bällchen und stoppten oder beeinflussten ihren natürlichen Lauf. Letztlich jedoch verlief alles in friedlichen Bahnen. Die Heiterkeit übertrug sich einfach auf das Publikum, Fragen wurden beantwortet, Getränke oder Probierhäppchen herumgereicht.

Nach sage und schreibe fünf Stunden hatten wir die 3 km Wegstrecke bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und herrlichem Sonnenschein endlich geschafft. Natürlich beruhte die sagenhafte Marschgeschwindigkeit von 600 m/h auch darauf, dass wir zwei längere Pausen mit kaltem Büfett auf Parkbänken aufbauen und „abarbeiten“ mussten. Das beschauliche Tempo ermöglichte außerdem unserem 4-jährigen Älite-Kind und den etwas älteren Boßelfreunden im Rentenalter mit dem Tempo der Karawane Schritt zu halten ...

Am Ende waren alle froh, in den geheizten Räumen unserer Vereinsgastronomie mit Essen á la carte und Getränken aller Art Arm- und Rückenmuskulatur entspannen zu dürfen. Sogar den Rest der (dürftigen) Fußballbegegnung Borussia vs. Darmstadt konnten wir noch auf der Großbildleinwand verfolgen.

Eine rundum gelungene Älite-Aktion ging zu Ende – den bunten Kugeln sei dank.

Hartmut Körber, Januar 2017

aelite 2017